Guten Morgen,
letzte Woche habe ich den ich-weiß-nicht-wievielten Treiber für meine Soundkarte, der angeblich unter Windows XP laufen soll, installiert. Nachdem ich schon gar keine Hoffnung mehr hatte und deshalb auf einen Treiber aus einer weniger vertrauenswürdigen Quelle ausgewichen war, passierte etwas Unerwartetes: Windows startete nicht mehr.
Von Windoof hatte ich nun endgültig die Nase voll und so installierte ich Debian, eine GNU/Linux-Distribution, die ich mir im Internetcafé heruntergeladen hatte. Die Installation dauerte länger als dies bei Windows der Fall war, was aber an mir lag. Anders als Microsoft setzen die Entwickler und Maintainer der Debian-Distribution auf die Intelligenz des Endnutzers und ließen mich diverse Einstellungen verändern. Um mich an die mir nun zugestandene Mündigkeit zu gewöhnen, sah ich mir die Einstellungen genauer an und brauchte so einige Zeit für die Installation. Rückblickend hätte auch ein noch etwas genaueres Hinsehen nicht geschadet.
Auf die Installation folgte der erste Start des Betriebssystems. Als GRUB (Grand Unified Bootloader) dann Debian startete, saß ich mit einem bestimmt riesigen Grinsen vor dem Rechner und fühlte mich erinnert an Zeiten, da ich noch Windows 98 verwendete und beim Systemstart ganz viel Text angezeigt bekam, mit dem ich nichts anfangen konnte. Etwa 20 Sekunden lang berichtete mir Linux sehr eloquent, was es gerade so macht. Zum Mitlesen war ich zu langsam, aber schön, dass es auch noch gesprächige Betriebssysteme gibt. =)
Auf meine Dateien konnte ich anfangs leider nicht zugreifen, da diese auf einer 200 GB großen Partition gespeichert sind, was unter Windows eine Formatierung als NTFS-Dateisystems bedeutet. Nun ist NTFS eine Erfindung von Microsoft und der genaue Aufbau (soweit mir bekannt ist) seitens jener Firma immer noch nicht veröffentlicht. Entsprechend sieht dann natürlich auch die Unterstützung des Formats unter anderen Betriebssystemen aus. Für Linux gibt es jedoch seit einiger Zeit NTFS-3G, das essentielle Funktionen zum Lesen und Schreiben von NTFS-Dateisystemen bereitstellt. Nachdem ich mir dieses (und eine Menge anderer freier Software – nicht zu verwechseln mit Freeware!) heruntergeladen hatte, konnte ich auf meine Musikdateien etcetera zugreifen und ohne weitere Zwischenfälle sofort herausfinden, dass Linux meine Soundkarte unterstützt. MIDI-Dateien kann ich zwar bis heute immer noch nicht richtig abspielen, aber das ging mir unter Windows (Vista) auch nicht anders und liegt an der Soundkarte, die ihre Stärken offensichtlich anderswo hat.
Einiges herauszufinden hat einige Tage gedauert, aber mittlerweile kann ich auch japanische Texte richtig eingeben: あなたは、日本語が喋れますか。 Hier hatte ich mich einige Tage lang sehr dumm angestellt.
Vom Gefühl her bin ich schon voll und ganz auf Debian umgestiegen. Windows würde mir jetzt wahrscheinlich mittelalterlich vorkommen, auch wenn es vom bloßen Aussehen her ein wenig moderner zu sein scheint. Linux ist da schlichter, nicht so knallbunt und zeigt im Leerlauf auch Prozessorauslastungen von 0%, anders als Windows Vista, das (als es vor Monaten noch auf meinem Rechner lief) minimal 10% als Leerlaufprozessorauslastung beanspruchte (Intel Core 2 Duo 2.0GHz).
Komisch dagegen ist, dass mein Akku seit ich Linux verwende nach zwei Stunden schlapp macht, unter Windows hielt er fast fünf, oder liegt das vielleicht an der Hitze und daran, dass der Lüfter auch im Leerlauf auf Hochturen läuft? Nun gut, ich werde es im nächsten Winter sehen.
Nun fehlt mir nur noch der Zugriff auf meine verschlüsselten Daten, was allerdings nur daran liegt, dass ich erst heute herausgefunden habe, wie das zu bewerkstelligen ist.
Mit Hilfe von WINE (ein Programm, dass sozusagen Windows-Befehle in Linux-Befehle übersetzt) habe ich schon versucht, ein Windows-Programm unter Debian auszuführen: dieses SONY-Programm, um Musik auf meinen MP3-Player zu kopieren. Wie erwartet funktioniert es nicht. Ich habe allerdings auch keine Lust, Windows zu reparieren, weil ich weiß, dass dann GRUB (das Programm, das beim Anschalten des Rechners Linux startet) überschrieben wird. Im Moment ist der größte Teil meiner Musikdateien auf dem MP3-Player gespeichert. Probleme gibt es deshalb spätestens wenn ich mir eine CD kaufe, also in Deutschland. Dort kann ich dann aber auch auf andere Rechner mit Windows ausweichen. Trotzdem finde ich es ärgerlich, dass es nicht einfacher geht.
Anders als erwartet hatte ich sonst jedoch kaum Probleme mit Software und Funktionalität, von der ich gedacht hatte, dass sie eventuell nicht mehr verfügbar sein würde. Denn im Gegensatz zu Windows, wo ich mir meine Software über Jahre zusammensuchen musste, bietet Debian sehr viele mitgelieferte Programme, die man sich in kleinen (oder größeren) Happen herunterladen kann, wovon ich schon intensiv Gebrauch gemacht habe. Nur zwei Dinge vermisse ich bis jetzt: IrfanView und ein Programm zum Schneiden und Zusammenfügen von Videodateien. Im Fall von Windows suchte ich jedoch über ein Jahr nach einem Programm, das mit IrfanView vergleichbar ist. Aber falls ich für Linux nichts finden sollte, was passt, gibt es ja noch WINE.
Vom jetzigen Standpunkt kann ich Debian im Prinzip jedem empfehlen. Es erscheint mir stabiler, schlichter und funktionaler als Windows und verzichtet auf so einen Blödsinn wie Laufwerksbuchstaben (die unter Windows sehr negative Auswirkungen haben, wenn man viele Partitionen und/oder Wechseldatenträger gebraucht, selbst mit weniger als 27 Partitionen ist die Übersicht schnell verloren).
Das Beste ist natürlich: Debian ist kostenlos liefert mehrere Gigabyte zusätzliche Programme mit.